Stickerei Altherr: Unterschied zwischen den Versionen

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(Eintritt der dritten Generation und Umstellung auf Automaten-Schifflistickmaschinen)
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1961 beendete der 81-jährige Emil Altherr sein Geschäftsengagement. Er hatte 65 Jahre in der Stickereiproduktion gearbeitet und dabei Höhenflüge und Krisenzeiten in der Stickereiindustrie hautnah erlebt. Die Geschäftstätigkeit ging bis zu seinem Tod 1967 pachtweise an Max und Margrit Altherr über. Ab 1967 lautete der Handelsregistereintrag auf '''Einzelfirma Max Altherr'''.<br>
 
1961 beendete der 81-jährige Emil Altherr sein Geschäftsengagement. Er hatte 65 Jahre in der Stickereiproduktion gearbeitet und dabei Höhenflüge und Krisenzeiten in der Stickereiindustrie hautnah erlebt. Die Geschäftstätigkeit ging bis zu seinem Tod 1967 pachtweise an Max und Margrit Altherr über. Ab 1967 lautete der Handelsregistereintrag auf '''Einzelfirma Max Altherr'''.<br>
  

Version vom 31. Dezember 2019, 11:30 Uhr

Von der Handstickmaschine zur Schifflistickmaschine

Firmengründung

Ulrich und Johanna Altherr im "Güetli"

Die Geschichte der Stickerfamilie Altherr nahm im Jahre 1868 ihren Anfang. Ulrich Altherr (1847-1929), zuerst wohnhaft im „Sitz“ Almenweg, (heute Teufenerstrasse 44), verdiente seinen Lebensunterhalt als Handmaschinensticker im Angestelltenverhältnis.

1878 erfolgte ein Umzug vom Almenweg in die Hohrüti 455/563, (heute Hohrüti 18). Hier brachte ihm seine Frau Johanna Altherr-Schittli (1849-1924) sechs Kinder auf die Welt.

1886 konnte er die Liegenschaft „Güetli“ im Bendlehn (heute Ober Bendlehn 29) erwerben, welche ihm ausreichend Platz für die wachsende Familie bot. Zwei weitere Kinder kamen im Bendlehn hinzu, so dass Ulrich Altherr zehn Personen ernähren musste. Die erworbene Liegenschaft bot im nordöstlichen Teil genügend Platz zur Stickereiproduktion mit Handstickmaschinen, was Ulrich Altherr bewog, den Schritt in die berufliche Selbständigkeit zu wagen.

Eintritt der zweiten Generation

Ab 1896, gleich nach der obligatorischen Schulzeit, arbeitete auch der 1880 geborene Sohn Emil Altherr (1880-1967) tatkräftig mit. Die Stickereien wurden vollumfänglich mit Handstickmaschinen produziert.

Im Jahr 1890, dem Höchstbestandjahr, waren vornehmlich in der Ostschweiz (also in den beiden Kantonen Appenzell, St. Gallen und Thurgau) über 18‘000 Handstickmaschinen im Einsatz. In Speicher waren es deren 206. Im Gebäude der heutigen Druckerei Lutz AG, Hauptstrasse 18, verfügte Speicher eigens für die Region Appenzeller Mittelland über eine regionale Stickfachschule, um all die vielen Neueinsteiger auszubilden.

1910 Fabrikneubau im Bendlehn

Neue Fabrik Oberer Bendlehn 31
Pantograph Schifflistickmaschine

Um der grossen Nachfrage nach Stickerei gerecht zu werden, benötigte man Platz für neue, von der Firma Saurer in Arbon ca. um 1900 entwickelten ersten Pantograph-Schifflistickmaschinen, mit denen die Sticker eine rund zehnfache Leistung gegenüber der Handstickmaschine erzielen konnten.

Dies bewog 1910 Vater Ulrich und Sohn Emil zu einem Neubau, gleich neben dem bestehenden Wohn- und Geschäftshaus im Bendlehn. Das Gebäude wurde geplant und gebaut mit zwei Dienstwohnungen im oberen Stock für Pantographsticker mit ihren Familien. Somit konnte die gewünschte Produktionssteigerung erreicht werden.

Zwischen 1910 und 1913 wurden in der neuen Fabrik insgesamt vier Pantograph-Schifflistickmaschinen in Betrieb genommen. Diese Maschinen arbeiteten nach dem Prinzip der Nähmaschine mit zwei Fäden, dem Vorderfaden zur Gestaltung des Stickereimotivs und dem Hinterfaden zur Fixierung des Vorderfadens. Der Stickvorgang erfolgte wie bei der Handstickmaschine manuell über den Sticker, die Maschine wurde durch einen Elektromotor angetrieben.

Der Handelsregistereintrag lautete jetzt auf Ulrich Altherr & Sohn.

Etwa um 1940 wurden die Wohnräume im Obergeschoss für geschäftliche Bedürfnisse umgewandelt.

Wechsel in der Firmenführung

1915 trat Johannes (1886-1978), der jüngere Bruder von Emil, ebenfalls in die Familienfirma Altherr ein. Der Firmenname wurde angepasst auf Ulrich Altherr & Söhne.

1919, im Alter von 72 Jahren, zog sich der Firmengründer Ulrich Altherr zurück und dessen Söhne Emil und Johannes führten die Firma gemeinsam mit der neuen Bezeichnung Gebrüder Altherr.

Trogenerstrasse 22

Während Emil weiter im Haus Ober Bendlehn 29 wohnte, erwarb Johannes das Haus an der heutigen Trogenerstrasse 22. In den Fünfzigerjahren kaufte er das Haus Reutenenstrasse 6, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1978 wohnte.
Seinen Arbeitsweg vom Schupfen in den Bendlehn hinauf hat Johannes Altherr mehrheitlich per Auto hinter sich gebracht. Das Haus an der Trogenerstrasse 22 blieb weiter in Familienbesitz und wurde durch Walter, einem Sohn von Johannes, bewohnt.


Eintritt der dritten Generation und Umstellung auf Automaten-Schifflistickmaschinen

Max Altherr am Schifflistickautomat

1938 trat Max Altherr (1922-2013), als jüngstes der drei Kinder von Emil Altherr und Ehefrau Seline Altherr-Schmid (1881-1948), in die Firma seines Vaters und seines Onkels ein. Damit war bereits die dritte Generation Altherr im Stickereigeschäft tätig. Nebst der Arbeit im Stickereibetrieb holte der Jüngling Max oft mit dem Fahrrad seinen Vater Emil in der Landmark ab, um ihm das letzte Teilstück seiner geliebten Fuss-Botengängen nach Altstätten mit einer Fahrt auf dem Gepäckträger zu versüssen.

Mit dem Eintritt von Max und seiner Begeisterung für die neue Generation der Automaten-Schifflistickmaschinen (Sticker wurde ersetzt durch Lochkarte) beschleunigte sich die bereits 1928 eingeläutete sukzessive Umstellung von Pantograph- auf Automaten-Schifflistickmaschinen. Daher wurden im Erdgeschoss des Familienwohnhauses im Ober Bendlehn 29 zwei Automaten-Schifflistickmaschinen eingebaut.

Eine erneute Produktionserweiterung drängte sich auf, doch im Oberen Bendlehn 29 und 31 waren alle geeigneten Räume mit Stickmaschinen belegt. Somit musste man externe Produktionsräume suchen.

Im Sägli, im letzten Haus rechts vor der Säglibachbrücke, an der heutigen Trogenerstrasse 38, wurde man fündig. Hier konnten zwei weitere Stickmaschinen installiert werden, ebenso eine an der Kohlhalden 54. Mit vier Produktionsstandorten innerhalb der Gemeinde Speicher war der Personaleinsatz nicht gerade optimal.

Produktionsstandorte:


Durch das Aufgebot in den Militärdienst während des 2. Weltkrieges lernte Max Altherr Auto zu fahren. Dies bewog ihn dann 1945 dazu, ein Auto zu kaufen. Für die Firma Gebrüder Altherr bot es sich an, kleine Aufträge jederzeit selbst abzuliefern und von Boten unabhängig zu werden.

Zusätzlicher Stickereibetrieb im Rheintal

1957 kauften Max und seine Frau Margrit Altherr-Fehle (1923-2013) in der Gemeinde Grabs im St. Galler Rheintal einen bestehenden Stickereibetrieb. Die Besitzer suchten eine Nachfolgelösung und Max Altherr sehnte sich nach beruflicher Selbständigkeit, die er im elterlichen Betrieb in Speicher nicht ausreichend vorfand.

Die räumlichen Verhältnisse in Grabs boten gute Voraussetzungen für Modernisierung und einen allfälligen Ausbau. Die Familie blieb jedoch weiterhin in Speicher wohnhaft. Max Altherr arbeitete mehrheitlich im Betrieb Grabs, unterstützt durch seine ebenfalls im Betrieb angestellten Schwiegereltern Martin und Emma Fehle.

Margrit Altherr führte den Betrieb in Speicher zusammen mit ihrem bereits 77- jährigen Schwiegervater Emil Altherr.

Aufteilung des Geschäfts

1958 erfolgte der Austritt von Johannes Altherr aus der Firma Gebrüder Altherr.

Er agierte neu als exportorientierte Einzelfirma Johannes Altherr, welche Création, Produktion und Verkauf der ausgerüsteten Stickereiprodukte in einer Firma beinhaltete. Die Produktion verblieb mit zwei eigenen Schifflistickmaschinen weiterhin im selben Gebäude Ober Bendlehn 31.

Emil Altherr verblieb als alleiniger Besitzer der Einzelfirma Emil Altherr, welche weiterhin mit sieben Schifflistickmaschinen Lohnstickerei im Auftrag exportorientierter Auftraggeber aus der Ostschweiz und bis nach Zürich machte, wie zum Beispiel:

Altoco St. Gallen (Aufträge für Handstickmaschinen); Alfred Hausamann Walzenhausen (Kinderlätzli); Paul Hubatka Altstätten (bestickte Tischtücher und Heimtextilien); Theodor Locher St. Gallen (Vorhänge); Ernst Schürpf St. Gallen (Vorhänge mit Stoffbreiten bis 300cm); Taco Zürich, Stehli Zürich, Gut Zürich alle (Damenoberbekleidung, Haute Couture); Filtex Herisau (Vorhänge).

Die Firma Emil Altherr stach durch ein grosses Materialsortiment heraus, welches sie ihren Auftraggebern anbieten konnte. Stoffe und Fäden in grosser Anzahl von Farben und Eigenschaften lagerten im Bendlehn, so dass die Besteller die Farbnummer der Fäden und der Stoffe angeben mussten und dem Produzenten nur noch das Dessin und die Anzahl der Stickereien liefern mussten.

Geschäftsübergabe von Emil an Sohn Max

Max und Margrit Altherr

1961 beendete der 81-jährige Emil Altherr sein Geschäftsengagement. Er hatte 65 Jahre in der Stickereiproduktion gearbeitet und dabei Höhenflüge und Krisenzeiten in der Stickereiindustrie hautnah erlebt. Die Geschäftstätigkeit ging bis zu seinem Tod 1967 pachtweise an Max und Margrit Altherr über. Ab 1967 lautete der Handelsregistereintrag auf Einzelfirma Max Altherr.

Die Firma des mittlerweile 82-jährigen Johannes Altherr stellte 1968 die Produktion ein. Die zwei übriggebliebenen Maschinen wurden durch die Firma Max Altherr übernommen.

Generationswechsel im Rheintal

1987, nach 30-jähriger Geschäftstätigkeit, übergaben Max und Margrit Altherr-Fehle den Betrieb in Grabs an ihren Sohn Max Altherr-Laich (1950) der bereits seit 1974 den elterlichen Betrieb im Rheintal geführt hatte. Zusammen mit seiner Ehefrau Lucia Altherr-Laich (1954) waren die beiden verantwortlich für einen für schweizerische Verhältnisse mittelgrossen Stickereibetrieb, zwei- und dreischichtig arbeitend. Hier wurden Aufträge gestickt zum Beispiel für: Eisenhut Gais (Damenunterwäsche); Reichenbach St. Gallen (Damenoberbekleidung); Leumann-Boesch Kronbühl (Bettwäsche); Jakob Schlaepfer St. Gallen (Haute Couture); Filtex St. Gallen (Damenoberbekleidung); Okutex St. Gallen (Saris für Fernost)

Die Jahre zwischen 1999 und 2004 waren geprägt von grossen Investitionen in die neueste Stickmaschinengeneration von Saurer in Arbon. Die laufende Verlagerung der textilen Produktion in Billiglohnländer zwang jedoch die jetzt in der vierten Generation Verantwortlichen der Firma Altherr, trotz der intensiven Investitionen, eine geordnete Stilllegung des Betriebes per 2011 zu vollziehen.

Ende der Stickereiproduktion im Bendlehn

1994, längst im Pensionsalter, fanden Max und Margrit Altherr in Hugo Wider aus Eichberg einen Käufer für die noch verbleibenden vier Stickmaschinen im Bendlehn. Hugo Wider übernahm anfänglich alle Mitarbeitenden und stickte, bei tendenziell stark abnehmender Auftragslage, mit diesen Maschinen im gemieteten Sticklokal noch bis zu seiner Pensionierung im Mai 2010.

Mit der Geschäftsaufgabe von Hugo Wider war auch das Ende der Stickereiproduktion in Speicher besiegelt.



Max Altherr am Schifflistickautomat