Geheimnis der gelben Hosen

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Version vom 30. April 2020, 16:32 Uhr von Tsghps (Diskussion | Beiträge) (Neue Hosen «gääle»)
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Appenzellische Identifikation

Viehschau Speicher

Rotes Brusttuch, leuchtend gelbe Hosen, weisses Hemd.
An der Vechschau (Viehschau) in Speicher präsentieren sich die Sennen stolz in ihrer schönen Tracht. Viele Zuschauer entlang der Hauptstrasse vom Viehschauplatz beim Frohsinn bis hinauf zur Abzweigung in die Reutenenstrasse verfolgen den Aufzug zur alljährlichen Viehschau, vor allem aber das «Öberefahre» der Viehherden in den Stall.

Beliebt sind vor Allem Herden mit Ziegen, Bless, Kindern und den schmucken Sennen in den leuchtendgelben Hosen, die «zauernd» den Viehtrieb begleiten. Diese jahrhundertealte Kleidertradition verbindet die Appenzeller, egal, ob man Tracht trägt, oder nicht. Sie ist so etwas wie ein Zeichen der Identifikation.

Die Appenzeller Sennentracht

"Öberefahre" an die Viehschau

hat sich in der vorhandenen Form im 19. Jahrhundert herausgebildet. Im 18. und 19. Jahrhundert mussten viele Appenzeller, oft auch Bauern, im fernen Ausland Arbeit suchen. So kam es, dass sich die Bekleidung auch nach der damals geltenden französischen Mode ausrichtete. Der Schnitt des Brusttuchs (Weste) ist denn auch typisch für die damalige Zeit. Andere Quellen sprechen davon, dass es sich um eine stilisierte Bürgertracht aus Süddeutschland handeln soll. Leider fehlen wissenschaftliche Forschungen über unsere Appenzeller Sennentracht.

Eine komplette Sennentracht ist eine kostspielige Angelegenheit, denn sie kostet mehrere Tausend Franken. Die Hose allein kommt auf etwa 850 Franken zu stehen. Ein Senn lässt sich deshalb in der Regel im Leben nur einmal eine solche Tracht nähen. Daher ist es unabdingbar, dass sie regelmässig gereinigt und gepflegt werden muss.

Die leuchtend gelben Hosen

Die gelben Kniehosen wurden früher aus Ziegenleder, heute meist aus Hirschleder hergestellt. Sie haben keinen Hosenschlitz, sondern einen viereckigen Latz (Hosenladen), der mit vier Knöpfen am Bund verschlossen wird. Die glatte Seite wird gegen aussen, die aufgeraute Seite gegen innen getragen. Es gibt im Appenzellerland nur noch wenige Schneiderinnen, welche solche Hosen herstellen.

Wie die gelben Hosen ihre markant leuchtend gelbe Farbe bekommen, weiss Christina Frick, Bäuerin im Schönenbühl. Sie hat ihr Wissen von ihrer Schwiegermutter Rösli Frick übernommen. Die Weitergabe des Geheimnisses von Generation zu Generation entspricht etwa dem Geheimnis der Kräutersulz für den Appenzeller Käse oder der Kräutermischung für den Appenzeller Alpenbitter. Auch hier wird das Geheimnis nicht verraten.

Neue Hosen «gääle»

Das Leder wird nicht etwa chemisch gefärbt, sondern mit einem Schwamm angemalt.
Nach dem Auftrag einer ersten Schicht, werden die Hosen für einen Tag zum Trocknen aufgehängt. Für eine gute Farbdeckung ist am Folgetag ein zweiter Durchgang notwendig, je nach Beschaffenheit des Leders sogar ein dritter. Wichtig sei nebst der Zusammensetzung auch die Konsistenz der Farbe, sagt Christina Frick, denn das Leder soll Farbe aufsaugen und dennoch muss sie gut deckend sein. Die ideale Mischung kann nur durch viele Versuche gefunden werden. Jedes Leder verhält sich etwas anders, darum ist auch hier langjährige Erfahrung von Vorteil.

Früher sei Eigelb zum Binden der Farbe verwendet worden, was aber einen zu spröden Farbauftrag ergeben hätte. Auch Kaffeerahm sei zum Zuge gekommen, wenn es ums Verdünnen der Farbe ging. Die von Christine Frick verwendete gelbe Farbe wird speziell für das «Gäälen» der Sennenhosen produziert, man kann sie sonst nicht kaufen.

Auch die überzogenen Lederknöpfe am Hosenlatz, wie auch die Knöpfe zum Befestigen der Hosenträger müssen angemalt werden.

Christina Frick zeigt, wie die gelben Hosen eingefärbt werden:

Zum Schluss werden die Hosen zum Trocknen aufgehängt, was nochmals einen Tag dauert. Danach gehen die Hosen zur Schneiderin zurück, wo sie der Senn anprobieren kann.

Hosen auffrischen

Gebrauchte Hosen zum Auffrischen

Da die «Gääle» nicht elastisch ist, reissen bei Gebrauch der Hose die Knöpfe gerne ab und müssen neu befestigt werden. Das passiert dann, wenn die Sennen sich hinsetzen oder bücken. Wenn Knöpfe verloren gehen, muss man sie extra herstellen lassen. Kostenpunkt Fr. 15.- pro Knopf!

Das ist auch der Grund dafür, dass das Beinkleid nach Gebrauch regelmässig aufgefrischt und repariert werden muss. Die gelben Hosen sind nach dem «Öberefahre» oft mit Kuhdreck verschmutzt und auch die schwere silbrige Uhrenkette mit Silbertalern, welche bei den Sennen mit der «Gääle» gerade herunterhängt, hinterlässt seine Spuren. Sei scheuert bei jeder Bewegung etwas Farbe weg, so dass die Hose an jener Stelle unansehnlich schwarz wird.

Im Prinzip wird nach dem Ende der Saison jede Hose nachgefärbt. Damit bleibt sie stets in einem guten Zustand und hält länger. Nach einer gründlichen Reinigung mit Wasser bemalt Christina Frick wiederum alle Seiten mit ihrer geheimen Spezialfarbe an.

Pro Jahr «gäälet» die Spezialistin zwischen 50 und 70 neue und alte Sennenhosen, welche von den Sennen wie auch von den Geissbuben getragen werden. Da die Buben im Wachstum sind und fast jedes Jahr grössere Hosen tragen müssen, gibt es so etwas wie einen Verleih, wo getauscht werden kann.


Quelle: Christina und Heinz Frick & Brauchtum-Museum Urnäsch
Photos: Sandro Reichmuth, Flecken 10 - http://www.faszinierend.ch; Paul Hollenstein
Text und Video: Paul Hollenstein 2020
Zäuerli: Jodelchörli Speicher