Goldach-Eisstausee: Unterschied zwischen den Versionen
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Nach dem Höchststand vor 24’000 Jahren setzte während der nächsten rund 1000 Jahre infolge Klimaerwärmung eine Rückzugsphase der Gletscher ein. Am Rande des Gletschers bildeten sich Schmelzwasserrinnen, die sich teils heute noch im Gelände zeigen. „Kritische“ Geländeübergänge wie der Ruppen wurden eisfrei, Gletscherzungen lösten sich vom Hauptgletscher und wurden zu lokalen Gletschern, wie der Eisrest im Goldachtal, der zum „Goldachgletscher“ wurde. | [[Datei:Würmeiszeit Eisrandlagen.jpg|mini|<small>Eisrandlagen vor 23'000 Jahren (Höchststand Würm) und vor ca. 19'000 Jahren.</small>]]Nach dem Höchststand vor 24’000 Jahren setzte während der nächsten rund 1000 Jahre infolge Klimaerwärmung eine Rückzugsphase der Gletscher ein. Am Rande des Gletschers bildeten sich Schmelzwasserrinnen, die sich teils heute noch im Gelände zeigen. „Kritische“ Geländeübergänge wie der Ruppen wurden eisfrei, Gletscherzungen lösten sich vom Hauptgletscher und wurden zu lokalen Gletschern, wie der Eisrest im Goldachtal, der zum „Goldachgletscher“ wurde. | ||
=== Schmelwasserrinnen am Gletscherrand === | === Schmelwasserrinnen am Gletscherrand === | ||
Auch der Goldachgletscher schmolz weiter ab, das Schmelzwasser sammelte sich, soweit es nicht an der Gletschersohle abfloss, am Gletscherrand zunächst als See und suchte sich von dort, je nach Seespiegelhöhe Abflussmöglichkeiten entlang des Eiswalls. So entstanden die heute noch sichtbaren Schmelzwasserrinnen im Gelände (Almenweg, Blatten) und, weniger gut sichtbar, Aufschüttungen von Vertiefungen im Gelände. Anfänglich erfolgte der Abfluss auch in Richtung Teufen, bis schliesslich Gletschermächtigkeit und Seespiegel den Geländeübergang zwischen Steinegg und Blatten nicht mehr überströmen konnten. Anzunehmen ist, dass der Gletscherrandsee seinen Seespiegel maximal auf etwa 925 m.ü.M. hatte. Das heisst, dass der Kirchhügel von Speicher eine Insel im Gletschersee war.<br> | Auch der Goldachgletscher schmolz weiter ab, das Schmelzwasser sammelte sich, soweit es nicht an der Gletschersohle abfloss, am Gletscherrand zunächst als See und suchte sich von dort, je nach Seespiegelhöhe Abflussmöglichkeiten entlang des Eiswalls. So entstanden die heute noch sichtbaren Schmelzwasserrinnen im Gelände (Almenweg, Blatten) und, weniger gut sichtbar, Aufschüttungen von Vertiefungen im Gelände. Anfänglich erfolgte der Abfluss auch in Richtung Teufen, bis schliesslich Gletschermächtigkeit und Seespiegel den Geländeübergang zwischen Steinegg und Blatten nicht mehr überströmen konnten. Anzunehmen ist, dass der Gletscherrandsee seinen Seespiegel maximal auf etwa 925 m.ü.M. hatte. Das heisst, dass der Kirchhügel von Speicher eine Insel im Gletschersee war.<br> | ||
Version vom 23. Februar 2025, 15:47 Uhr
Die Landschaft, wie sie sich heute präsentiert ist wesentlich geprägt von den Eiszeiten[2], vor allem der jüngsten, der sogenannten Würmeiszeit (ca. 120'000 bis ca. 16'000 Jahre vor heute). Ihren Höchststand darin erreichten die Gletscher vor rund 23’000 Jahren. Während des Höchststandes bedeckte der Bodensee-Rheingletscher die Gegend rund um den Bodensee bis Schaffhausen und fast bis zur Donau. Das ganze Appenzellerland lag unter der Eisdecke, es ragten nur die höchsten Erhebungen über die Eisdecke: die Alpsteingipfel und nördlich abfallend Kronberg, Hundwilerhöhe, Gäbris, Hohe Buche, Birt etc.
Anmerkung: Die Spuren von Höhlenbären im Wildkirchli gehen zurück auf 90’000 Jahre vor heute, die ersten altsteinzeitlichen menschlichen Spuren im Wildkirchli auf etwa 50’000 Jahre vor heute. Diese Zeitabschnitte gehören in frühe Interstadiale (wärmere Phasen) der Würmeiszeit.
Ausdehnen - Abschmelzen - Ausdehnen …
Innerhalb der Eiszeiten gab es immer wieder Phasen, in denen Gletscher vorstiessen oder infolge Erwärmung abschmolzen und sich zurückzogen. Eiszeit heisst klimatisch (Angaben für die Würmeiszeit um 23'000 Jahre vor heute): Die Temperaturen waren in der Zeit der tiefsten Kälte im Jahresmittel bis 15°C tiefer als heute, im Sommervergleich (Rorschach) heute 18°C, damals 7°C; im Wintervergleich -1° gegenüber -20°C.
Vor 23’000 Jahren
Nach dem Höchststand vor 24’000 Jahren setzte während der nächsten rund 1000 Jahre infolge Klimaerwärmung eine Rückzugsphase der Gletscher ein. Am Rande des Gletschers bildeten sich Schmelzwasserrinnen, die sich teils heute noch im Gelände zeigen. „Kritische“ Geländeübergänge wie der Ruppen wurden eisfrei, Gletscherzungen lösten sich vom Hauptgletscher und wurden zu lokalen Gletschern, wie der Eisrest im Goldachtal, der zum „Goldachgletscher“ wurde.
Schmelwasserrinnen am Gletscherrand
Auch der Goldachgletscher schmolz weiter ab, das Schmelzwasser sammelte sich, soweit es nicht an der Gletschersohle abfloss, am Gletscherrand zunächst als See und suchte sich von dort, je nach Seespiegelhöhe Abflussmöglichkeiten entlang des Eiswalls. So entstanden die heute noch sichtbaren Schmelzwasserrinnen im Gelände (Almenweg, Blatten) und, weniger gut sichtbar, Aufschüttungen von Vertiefungen im Gelände. Anfänglich erfolgte der Abfluss auch in Richtung Teufen, bis schliesslich Gletschermächtigkeit und Seespiegel den Geländeübergang zwischen Steinegg und Blatten nicht mehr überströmen konnten. Anzunehmen ist, dass der Gletscherrandsee seinen Seespiegel maximal auf etwa 925 m.ü.M. hatte. Das heisst, dass der Kirchhügel von Speicher eine Insel im Gletschersee war.
Rheingletscher und Goldachgletscher schmolzen weiter ab, der „Goldachsee“[3], südlich gespiesen von Schmelzwasser des Goldachgletschers und nördlich von Schmelzwasser des Rheingletschers fand nur noch Richtung Westen eine Abflussmöglichkeit, weil der Eisrandwall des Rheingletschers, der sich etwa auf der Höhe des Martinstobels befand und so dem oberirdischen Abfluss einen Riegel schob. Dadurch wurde das Schmelzwasser Richtung Westen gelenkt, je nach Gletscherstand über höher, resp. tiefer liegende Rinnen.
Abschmelz- und Ausdehnungsphasen der Gletscher folgten sich mehrfach. Vor etwa 20’000 Jahren reichte der Rheingletscher wieder bis nach Stein am Rhein, ein letzter Hochstand. Auch in dieser Phase blieb der Übergang Ruppen meist eisfrei, somit hatte der verbliebene Goldachgletscher keine Verbindung mehr zum Rheingletscher, der Birtgletscher keine Verbindung zum Goldachgletscher. Zwischen letzteren bestand der Goldach-Eissstausee mit einer Seespiegelhöhe von rund 800 m.ü.M. Die Gletscherzunge des Rheingletschers erstreckte sich von der Kurzegg über die Speicherschwendi bis unterhalb Eggersriet und verunmöglichte nach wie vor den Abfluss des Goldach-Eisstausees gegen Norden.
Vor 20’000 Jahren
Das Wasser des Goldach-Eisstausees suchte sich somit seinen Weg entlang dem Eiswall in Richtung Westen. Bei allen schon bestehenden Flusstälern (Goldach, Steinach, Sitter, Urnäsch, Thur) versperrten Gletscherzungen des Rheingletschers den Abfluss nordwärts. So entstand eine Abfolge von Schmelzwasserrinnen, resp. -tälern, je nach Gletscherstand höher oder tiefer am Südrand des Gletscherwalls. Grob gesagt verlaufen diese Rinnen teils oberhalb, teils unterhalb der Hauptrinne (nach heutigen Bezeichnungen) von der Oberen Schwendi nach Hueb, Dreiweiern, über das Tal der Demut und Wattbachtobel zum Tal des Gübsensees und hinunter ins Breitfeld und von dort bis in die Gegend von Winterthur.
Die Schmelzwasserrinnen wurden je nach Fliessgeschwindigkeit, Wassermenge und mitgeführtem Schutt mehr oder weniger vertieft, wenig im Bereich Speicherschwendi, stärker im Tal in dem heute der Gübsensee liegt.
Vor 18’000 Jahren - Rückzug der Gletscher
Vor 18’000 Jahren wurde das Klima deutlich wärmer und war im Sommer nur noch etwa 3° kühler als heute. Die letzten Vorlandgletscher verschwanden und auch die grossen Gletscher (Linth, Rhein) zogen sich stark zurück. Selbst nachfolgende Abkühlungsphasen liessen sie nicht wieder anwachsen.
Torf - ein Relikt des Goldach-Eisstausees
Als der See existierte, bildete sich in flachen Uferzonen eine sumpfige Flachwasserzone mit torfbildender Vegetation. Das entstandene Moor trocknete nach dem Verschwinden des Sees (etwa vor 18’000 Jahren) schliesslich weitgehend aus und wurde überwachsen.
Im Gegensatz zu Torfgebieten wie in Gonten oder im Rheintal sind Torfvorkommen in Speicher flächenmässig klein, nur wenig ergiebig und von minderer Qualität, dennoch wurde auch in Speicher Torf gestochen wie Chronisten berichten. Rechsteiner (um 1810) schreibt: „Torf, oder hier Turben graben wurde angefang. Ao. 1760 circa hier im Wießen Jb. Bruderer u. auf dem Siz wie auch im Mooß zu Bendlehn“. Das heisst: Um 1760 fing ein Jakob Bruderer in der Wies an, Torf abzubauen, ebenso wurde auf dem Sitz und im Moos zu Bendlehn, das etwa die heutigen Gebiete mit den Flurnamen Erlen und Bruggmoos umfasste, Torf gestochen.
Tanner (um 1860) schreibt: „Torf gräbt Althauptmann Eugster seit mehreren Jahren mit Nutzen auf seinem Gute in der Wies“ [Johannes Eugster *1795, Hauptmann1831-1837].
In der Wies wurde gemäss diesen Beschreibungen während mindestens 100 Jahren mehr oder weniger regelmässig Torf abgebaut, letztmals während des zweiten Weltkriegs.
Ein weiteres Relikt des Goldach-Eisstausees sind Muscheln. Im Aushub von Baugruben in ehemaligem Seegrund finden sich da und dort Muscheln im Lehm, resp. Mergel oder in deren Sandschichten.
Zumindest teilweise mit dem Eisstausee in Zusammenhang stehen Rutschgebiete, wie sie beispielsweise in der Gefahrenkarte für das Gebiet Speicherschwendi vermerkt sind: Der See überdeckte auch abgelagerten Moränenschutt der Gletscher, darauf setzten sich die (feineren) Ablagerungen des Sees ab. Je nach Hangneigung und Wassereintritt in diese Schichten können sich spontane oder kontinuierliche Rutschungen bilden.
- ↑ Bundesamt für Landestopografie swisstopo, Wabern: Kartenausschnitt "Schweiz während des letzteiszeitlichen Maximums"
- ↑ Oskar Keller: Alpen - Rhein - Bodensee; Appenzeller Verlag, ISBN 978-3-85882-668-8
- ↑ Oskar Keller in Berichte der St. Gall. Natw. Gesellschaft, Band 95, Kapitel Eiszeitflüsse ... S. 245ff.